Er ist die Stimme der so genannten kleinen Leute. Und als solcher wurde er bei der Buchliebling-Gala mit dem Lifetime-Award geehrt. Denn Ernst Hinterberger lebt in einem Gemeindebau. Auf genügsamen 40 m2. Umgeben von Büchern, Buddha-Figuren und Bildern
Das schwarze, schwere Eisentor des Gemeindebaus am Margaretengürtel erinnert an die Zeit als das rote Wien Trutzbauten gegen den Klassenfeind baute. Der begrünte Innenhof verspricht
zwar schon wesentlich mehr Behaglichkeit, aber erst vor Tür Nr. 16 macht sich Wohligkeit breit. Denn Ernst Hinterberger erwartet uns mit lächelndem Gesicht. „Gengans nur weiter“, sagt
er, und während der Fotograf im engen Vorraum noch mit seiner Ausrüstung kämpft, wird eine im Wohnzimmer (im Gegenlicht) sitzende Buddha-Statue mit einem Gast verwechselt. Und fast
begrüßt. „Das Riesentrumm ist ein Geschenk vom Dolezal. Der wusste damals noch nicht, dass unsereWohnung so klein ist“, lacht Ehefrau Karla. „Die anderen sind alle von mir. Lauter
Mandln, sonst nix“, meint der Schrifsteller und praktizierende Zen-Buddhist.
Doch von denen gibt es sehr viele. Auf den Regalen, an den Wänden, vorm Fernseher. Dazwischen zieren haufenweise Fotos, Zeichnungen und Urkunden die Wände. Die Einrichtung stammt noch
von Margarete, seiner ersten Frau. Nur die Nippes, die brachte die zweite Gattin mit.
Seit über fünf Jahrzehnten wohnt der „Mundl“-Erfinder hier. Ausziehen wollte er noch nie. Warum auch. „Für zwa Leit is des ausreichend“, so Hinterberger. „Dabei könnt er sich sofort ein
Haus kaufen. Oder zwei“, ergänzt die Hausfrau und serviert Kaffee. „Des interessiert mi net. Ich bin 200 Meter von hier in einem Hinterhof aufg‘wachsen. Dort hob i nur Dächer g‘sehen.
Sonst war ich auf der Gossn. Daher sogt mir auch ein Garten nix. Oda die Natur … Ja, die Bäume sind grün. Mir gefällt‘s genauso, wenn kane Blätter drauf san.“
Wenn der Brando Laotse liest, daun kaun i des ah.
Dass der Schriftsteller vor 50 Jahren zum Buddhismus fand, lag nicht nur am (wegen einer Sehschwäche erfolgten) Hinausschmiss aus der Polizeischule. Und der Rückkehr zum Hilfsarbeiter.
„I hob wo g‘lesen, dass der Marlon Brando Laotse liest, und do hob i mir docht, wenn der des liest, daun kaun i des ah“, schmunzelt er, zieht den Sauerstoffschlauch aus der Nase, geht
zum Schreibtisch und zündet sich eine Zigarette an. Vom Rauchen ist er ja net krank, sondern vom Job in der Fabrik.
„Hier arbeit‘ ich immer. Auch den neuen ,Trautmann“, ,Fehlende Finger‘, hab ich do g‘schrieb‘n. Und der nächste Roman ist schon im Kopf.“ Wenn es eine Übereinstimmung mit einer seiner
Figuren gibt, dann mit dem „Trautmann“. Als er im Rabenhof Adi Hirschal und Wolfgang Böck auf der Bühne sah, wusste er sofort: „Der ane spült den Strizzi, der aundere is ana.“ Und wieso
wurde Böck dann Polizist? „Die oiden Kieberer, die kennt man von einem Strizzi net auseinander …Bei unserer Hochzeitsfeier saß ein Sauna-Freund einem alten Kriminalbeamten mit vülen
Goldketterln um an Hols gegenüber. Und der frogt mi daun: ,Wieso bist du mit an Zuhälter behawert?‘ Des ist ka Zuhälter, des is a Chefinspektor. Die müssen so sein“, erinnert sich der
81-Jährige. Und wieder lächelt er, setzt sich auf die Bank, und Karla streichelt seine Hand. „Meine Bindung an diese Welt ist meine Frau. Wenn sie nimmer wär‘, tät‘s mi a nimmer
interessieren“, sagt er. „Danke, liebe Karla“, denke ich.