Nicht nur für kühne Gedankengebäude ist das Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Begriff. Auch reale Bauten sorgten für eine Revolution: die Architektur des Roten Wien, deren Schönheit und Vielfalt nun ein Bildband von Walter Zednicek dokumentiert
Auch schon vor dem Ersten Weltkrieg war Wien Anziehungspunkt für viele Hunderttausende von Zuwanderern aus allen Teilen der Habsburgermonarchie, die sich in der Haupt- und Residenzstadt
ein besseres Leben erhofften: einen Arbeitsplatz mit gesichertem Einkommen, von dem sie bescheiden leben konnten. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich die
Einwohnerzahl Wiens auf mehr als zwei Millionen Menschen verfünffacht. Die Versorgung der Menschen mit dem nötigen Wohnraum war damals fast ausschließlich dem privaten Markt überlassen
worden. Das Ergebnis dieser Art Wohnbau war erdenklich trist: Ungefähr 95 Prozent aller Wohnungen verfügten weder über WC noch über einen eigenen Wasseranschluss und bestanden nur aus
Küche und einem Zimmer, in dem nicht selten mehr als zehn Menschen lebten. Das Ergebnis: Viele Tote durch Krankheiten und Seuchen. Durch die Kriegswirren mündete ein weiterer
Zuwandererstrom in der Stadt und verstärkte noch die bereits vorhandene Wohnungsnot. Der Zusammenbruch der Monarchie nach verlorenem Krieg verschärfte die Probleme weiter. Hunger und
Not regierten in der Stadt, viele Menschen hatten kein Dach über dem Kopf und lebten/schliefen auf den Straßen oder Grünflächen der Stadt. Schnellste Abhilfe war da geboten, um das
ärgste Elend zu lindern!
Aber erst musste sich der am 12. November 1918 ausgerufene neue Staat, der von manchen nur als „Rest“ bezeichnet wurde und der sich bei seinen Staatsbürgern erst Reputation verschaffen
musste, neu aufstellen: Aus der Monarchie war eine Republik geworden, aus der Bürokratie- und Armeemacht eine parlamentarische Demokratie mit allgemeinem, gleichem und direktem
Wahlrecht. Bei dem darauf beruhenden Urnengang errang die Sozialdemokratische Partei am 4. Mai 1919 die absolute Mehrheit im Wiener Gemeinderat und konnte so mit der Arbeit beginnen. An
der Spitze der zu lösenden Probleme standen die soziale Wohlfahrt und ein riesiges Wohnbauprogramm für die schlimme Not leidende Arbeiterschaft.
Mieterschutz und kommunaler Wohnbau.
Im Vorwort des Buchs „Architektur des Roten Wien“ schreibt der Architekturhistoriker Helmut Weihsmann dazu: „Für beide konnte keine Lösung, weder von privatwirtschaftlicher noch von
staatlicher Seite gefunden oder durch private Geldinvestoren wie Bankkredite, Anleihen usf. erhofft werden, da angesichts des Kapitalmangels einer ausgesaugten Kriegswirtschaft und
rasch gewachsener Baukosten die – ohnehin finanzschwachen, keine Rentabilität versprechenden – Mieter und Investoren keinen Anreiz für Profit erwartende Bauherren boten, und der Krieg
die Hilfeleistungen und das Vermögen karitativer Fürsorgeorganisationen stark beeinträchtigt hatte. So musste die soeben an die Macht gekommene sozialdemokratische Wiener
Stadtverwaltung sich die politischen und finanziellen Voraussetzungen für ihre besondere Ökonomie des Wohnungsbaues zum Teil erst selbst schaffen.“
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