Der neue Tanzquartier-Wien-Intendant Walter Heun im Gespräch über Nischen, Oscar Wilde und Vertrauen
Nicht nur die Farbe ist neu im Tanzquartier. Walter Heun startet in seine erste Saison als Intendant nicht nur in blau, sondern vielmehr mit neuen Kooperationspartnern (u.a. impulsTanz,
brut Wien), der ersten Tanznacht Wiens und der Einführung von Abonnements. Heun machte sich als Leiter der Tanztage München einen Namen, war Begründer des Nationalen Performance Netzes
und der Tanzwerkstatt Europa sowie Mitbegründer und Co-Veranstalter der Tanzplattform Deutschland, ist in internationalen Tanzinstitutionen vertreten und war künstlerischer Leiter bei
luzerntanz.
Das Motto der neuen Saison: „Wir erweitern den Kreis“. Wie soll ein breiteres Publikum angesprochen werden?
Zeitgenössischer Tanz und Performance sind Kunstformen, die sich sowieso nicht an ein breites Publikum wenden, wie es etwa das Musical täte. Das Tanzquartier ist eine Institution, die
eine bestimmte künstlerische Position mit Tanz und Performance im internationalen Kontext bezogen hat – die möchten wir auch weiter pflegen. Da aber ein Haus ganzjährig zu betreiben
ist, muss man schon an viele, sehr unterschiedlich strukturierte Zuschauer denken. Wir arbeiten dahingehend, dass sich jeder Zuschauer seinen eigenen Parcours durch das Tanzquartier
legen wird. Es gab Überlegungen, mit bestimmten Labels wie Performance, Tanztheater, Theorie etc. zu arbeiten, schlussendlich haben wir uns aber dagegen entschieden, weil sich das
womöglich wie ein Kochrezept liest. Aber etwa durch die Texte im Programmheft versuchen wir klar zu machen, was man sich von der Produktion erwarten darf. Es gibt Formen von Tanz, die
durchaus ein großes Publikum erreichen, andere erfordern vertiefte Sehgewohnheiten.
Sie bieten auch Einführungen vor den Vorstellungen an – was erwarten Sie sich davon?
Anhand eines Gedichtes versuche ich zu demonstrieren, wie ich mir das vorstelle: Wenn ich ein Gedicht lese, kann ich mich an der Schönheit der Worte erfreuen, wenn ich besser Bescheid
weiß, bestimmte Stilmittel entdecken, autobiografische Informationen über den Autor in meine Rezeption einbeziehen, den geistesgeschichtlichen Hintergrund mitbedenken, wissen, auf
welches andere Gedicht sich dieses bezieht … So entsteht eine Vielzahl von Bezügen. Und keine dieser Betrachtungsebenen ist richtig oder falsch, es sieht nur jeder anders – der eine
kann sich an der Schönheit der Worte freuen, es ist für ihn richtig und gut, der nächste entdeckt noch viele andere Dinge darin, und das ist für ihn auch stimmig. Es geht darum, eine
grundlegende Sensibilisierung herbeizuführen. Dazu passt ein Zitat von Oscar Wilde, über das ich neulich gestolpert bin: „In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter, nicht das
Leben.“
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