Wien live Stadtgespräche
Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny stellte sich beim Wien live Montagscocktail den Fragen der Top-Journalisten Klaus
Nüchtern (Stv. Chefredakteuer Falter) und Angelika Hager (profil). Wir bringen die interessantesten Passagen zum Nachlesen
Andreas Mailath-Pokorny ist seit 2001 für Wiens Kulturpolitik verantwortlich – und damit auch für ein stets steigendes Kulturbudget. Der Wien live
Montagscocktail fand in sehr entspannter Atmosphäre im 3-raum-anatomietheater in der Beatrixgasse statt. Sowohl Fragen als auch Antworten sind hier komprimiert
wiedergegeben.
Wissen sie schon, was sie nach der Wahl machen?
Feiern.
Was wird es da zu feiern geben?
Den sozialdemokratischen Wahlsieg und die Tatsache, dass die erfolgreiche Kulturpolitik fortgesetzt werden kann. Die zentralen Fragen, die sich die Wienerinnen und Wiener stellen müssen,
sind: Soll es in Wien weiterhin einen Bürgermeister Häupl geben und soll es in Wien eine Politik geben, die insgesamt für soziale Gerechtigkeit und Bildungschancen, aber auch für eine
offene Kulturpolitik steht? Ich glaube, dass sich das kulturelle Klima Wiens nachhaltig positiv von dem anderer Städte unterscheidet, und dass das auch daran liegt, dass wir als
Sozialdemokratie in dieser Stadt die absolute Mehrheit haben. In meiner Amtszeit wurde das Kulturbudget um fast 50 Prozent erhöht. Ich kenne wenig Weltstädte, die das von sich behaupten
können. Und man muss auch darauf hinweisen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Bürgermeister sagt: Ja, die Kultur ist wichtig für diese Stadt und muss ausreichend finanziert
werden.
Sie betonen oft, dass das Kulturangebot in Wien niederschwellig gehalten werden soll, damit möglichst alle daran teilhaben können. Kann das überhaupt funktionieren?
Ich glaube, dass wir alle – sei es als Kulturschaffende, sei es als Konsumenten, als Kulturverwalter oder als Politiker – daran arbeiten sollten, möglichst vielen Menschen einen einfachen
Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen. Schon alleine deshalb, weil ja alle SteuerzahlerInnen sämtliche Kulturaktivitäten durch ihre Abgaben mitfinanzieren. Kulturförderung soll
schließlich keine Umverteilung von unten nach oben sein.
Und was heißt das konkret?
Ein persönliches Beispiel: Ich habe einmal die Busfahrt einer Volksschulklasse aus der Brigittenau ins Dschungel Kindertheater im MuseumsQuartier quasi als Reiseleiter begleitet. Recht
schnell hat sich herausgestellt, dass die meisten Kinder nicht wussten, was genau ein Theater ist. Es war eine Herausforderung, innerhalb von 10 Minuten, die so eine Busfahrt vom 20.
Bezirk zum Museumsquartier dauert, zu erklären, was eigentlich Theater ist. Aber genau darum geht es: Den Menschen überhaupt einmal die Wahlmöglichkeit zu eröffnen, Kulturangebote zu
nutzen. Wir haben zum Beispiel das Projekt Kulturlotsinnen. Das sind zwei engagierte Frauen, die in Betriebe gehen und dort einen Überblick über die Wiener Kulturangebote geben und die
Menschen quasi an der Hand nehmen und zur Kultur führen, oder dabei helfen, wie man ein Kulturprogramm richtig liest. Ob ich die Staatsoper besuche oder nicht, ist keine reine
Geldfrage.
Stichwort Vereinigte Bühnen Wien. Die Auslastungen waren in letzter Zeit nicht die besten – braucht man das Musical in dieser Form überhaupt noch?
In Wirklichkeit ist der finanziell größte Brocken bei den Vereinigten Bühnen Wien das Theater an der Wien – das vergisst man ja immer. Und das Theater an der Wien hat sich innerhalb von
nur wenigen Jahren als eine der besten Opernbühnen im deutschsprachigen Raum etabliert. Wir haben hier ein neues Konzept ausprobiert: Anstatt noch ein drittes Repertoiretheater zu
etablieren, haben wir das Theater an der Wien als sogenanntes Stagione-Theater konzipiert, das heißt: Jeden Monat eine Premiere. Dadurch ist auch das Medienecho bei den Produktionen
größer und konzentrierter – nicht nur in Wien, sondern auch international. Und „Tanz der Vampire“ im Ronacher ist hervorragend ausgelastet.
Das Kulturangebot nimmt über die Jahre exponentiell zu. Man hat den Eindruck, Wien lebt eigentlich in einer völlig luxuriösen Situation: Ständig kommt etwas, aber es verschwindet
nie etwas. Was bleibt einem Kulturstadtrat dann eigentlich noch zu tun übrig?
Das, was Sie da erfreulicherweise als selbstverständlich wahrnehmen, fällt ja in Wahrheit nicht einfach so vom Himmel. Dazu braucht es Kulturschaffende, und damit die hier tätig sind,
braucht es ein Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen, das sie inspiriert und in dem ihnen kreatives Schaffen ermöglicht wird. Man muss auch eine gewisse Bandbreite anbieten – natürlich
braucht man kommerziell ausgerichtete Theater, aber man muss auch kleine Bühnen und Projekte unterstützen, auch wenn sich die nicht rechnen. Bei der Feuerwehr und den Wasserwerken
verlangt auch niemand, dass die kostendeckend arbeiten. Kultur ist aber genau so wie Wasserversorgung und Sicherheit ein öffentliches Gut. :::