Verkehrs- und Planungsstadtrat Rudi Schicker stellte sich beim Wien live Montags-Cocktail den Fragen der Journalisten Andrea Schurian (Der Standard) und Robert Prazak (Wirtschaftsblatt). Wir bringen die wichtigsten Passagen zum Nachlesen
Als Planungsstadtrat Rudi Schicker zum „Frageduell“ mit den Journalisten Andrea Schurian (Der Standard) und Robert Prazak (Wirtschaftsblatt) antrat, zeichnete sich bereits das Ja bei
der Volksbefragung für den 24-Stunden-Betrieb der U-Bahnen am Wochenende ab. Ein Grund zur Freude für den Bekenner für den Öffentlichen Verkehr in Wien. Lesen Sie im Folgenden einige
Passagen aus der Diskussion:
Trend Elektroauto: Gut für die Stadt, weil leiser & umweltfreundlich?
Ich halte Elektroautos für äußerst diskussionswürdig. Strom wird bekanntlich noch lange nicht ausschließlich aus regenerierbaren Ressourcen gewonnen. Das heißt: die Abgase, die ich mir
beim E-Autofahren erspare, habe ich bei der Erzeugung von Strom längst verbraucht. Und Carbonfreeproduction of Energy bedeutet im Endeffekt meist Atomenergie – und das wollen wir
in Österreich aus guten Gründen nicht. Was Stadtplaner an den E-cars besonders schreckt, ist, dass sie ganz eindeutig eine Welle für Zweitautos produzieren. Ich habe dann ein großes
Auto, mit dem fahre ich am Wochenende und ich habe ein kleines Auto, das hängt an der Steckdose und mit dem fahre ich dann unter der Woche in der Stadt. Fazit: Ich brauche zwei
Garagenplätze anstelle von einem.
Warum dauern Projekte wie der Hauptbahnhof so lange von der Planung bis zur Durchführung?
Weil es so viele Player und auch so viele Ideen gibt. Ich kann mich noch an einen Bundesbahngeneraldirektor erinnern, der gesagt hat: „Der Westbahnhof ist groß genug für Wien“. Das war
übrigens ein Oberösterreicher. Wäre er ein Steirer gewesen, hätte er vielleicht gesagt, der Südbahnhof ist groß genug für Wien. Inzwischen ist aber unbestritten, dass Wien eine Stadt im
Netzwerk von anderen Hauptstädten und anderen Regionen ist. Und ein solches Netzwerk bildet man am besten dadurch ab, dass man die Möglichkeit schafft, von einem Knotenpunkt aus in alle
Richtungen kommen und auch wieder wegkommen zu können. In der Regel sind diese Umschlagplätze von Gütern und Personen auch die, wo am meisten Geld hängen bleibt. Und die Wirtschaft soll
in Wien ja weiter florieren.
Muss man bei Großprojekten immer auch Angst haben, dass – Stichwort Flughafenausbau – etwas schief geht?
Der große Unterschied zwischen Flughafen und Bundesbahnen ist, dass es beim Flughafen wenige bauerfahrene Experten gegeben hat, während es bei den Bundesbahnen eine ganze Menge davon
gibt. Und die können auch innerhalb des Unternehmens die Kontrolle durchführen. Das ist der Riesenvorteil. Die Bundesbahnen haben ja auch die Preise bei den Bauanbietern entsprechend
drücken können.
Wie entwickelt man ein Stadtviertel? Lässt sich so etwas überhaupt am Reißbrett planen?
Es gibt einige Städte, die am Reißbrett entstanden sind – nur die Lebensqualität kommt da – wenn überhaupt – erst später. Wien ist eine gewachsene Stadt und hat sich im Laufe der
Jahrhunderte immer wieder verändert. Der entscheidende Punkt ist daher, dass der Charakter der Stadt tunlichst auch in die neuen Stadtteile einfließt. Planen ist immer nur das
Darstellen der Denke zu einem bestimmten Zeitpunkt – und nicht die Zukunft selber. Die Planung muss sich daher auch immer wieder anpassen und verändern. Es ist für Planer nicht einfach
zu akzeptieren, dass das, was sie gezeichnet haben, nicht für immer und ewig gültig bleibt. Die Aufgabe der Politik besteht darin, diesen Umstand den Experten immer wieder vor
Augen zu halten. Planung ist immer Überzeugungsarbeit.
Leiden Sie darunter, dass vieles, was Sie angeregt haben, erst verwirklicht werden wird, wenn Sie längst in Pension sind?
Manchmal durchaus. Aber selbst bei einigen Großprojekten – wie dem Hauptbahnhof – gelingt es mir ja, die Verwirklichung mitzuerleben.
Wie wird Wien in 25 Jahren ausschauen?
Ich bin kein Wahrsager, aber einiges lässt sich jetzt schon vorhersehen. Wien wird an die 2 Millionen Einwohner haben. Und die Stadt wird viel bunter, und ethnisch viel durchmischter
sein als jetzt. Wien war immer eine Zuwanderungsstadt – wahrscheinlich werden etwa mehr Menschen aus dem ehemaligen Ostdeutschland zu uns kommen. Deutsch wird weiterhin die Sprache
sein, die gesprochen wird. Aber viele werden eine zweite Muttersprache und – mit Englisch – eine dritte Sprache sprechen. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass diese Stadt weltoffen
bleibt. Und dass alle ihre Bewohner erkennen, dass das eine Riesenchance ist.