Mojca Erdmann singt in Ruzowitzkys „Freischütz“-Inszenierung am Theater an der Wien das Ännchen. Wien live wollte vom neuen Klassikstar mit der Modelfigur wissen, wie sie Karriere & Jugend unter einen Hut bringt
Seit ihrem vielbejubelten Auftritt 2007 bei den Salzburger Festspielen als Zelmira in Haydns „Armida“ spielt die Hamburgerin Mojca Erdmann in der Starliga der Klassik. Aufgewachsen in
einer Musikerfamilie, entwickelte sich ihre Karriere bisher höchst kontinuierlich. Nach dem „Freischütz“ in Wien wird sie nächstes Jahr an der New Yorker Met singen.
Sie bekamen bereits als Kind professionellen Musikunterricht. Hatten Sie nie Angst, Ihre Kindheit zu versäumen?
Nein, überhaupt nicht. Mein Vater ist Komponist und hat mich immer auch vor den Gefahren eines Jobs im Musikbusiness gewarnt. Singen hat mir schon als Kind unendlichen Spaß gemacht –
ich war dann mit sechs Jahren im Kinderchor der Hamburger Staatsoper, Blockflöte lernte ich mit drei, Violine mit sechs.
Was geht Ihnen durch den Kopf – kurz vor dem Auftritt?
Als Sängerin hat man kein Instrument zwischen sich und dem Publikum, man ist schutzlos und breitet wirklich seine Seele aus. Im günstigsten Fall bleibt man ganz bei sich. Das wäre die
ehrlichste und schönste Form des Musizierens, ganz bei sich und der Musik zu bleiben – bei jedem Wort, das man singt. Aber es ist unglaublich schwer, solche Momente zu erreichen.
Für Sie wurde bereits eine eigene Oper geschrieben, „Proserpina“ von Wolfgang Rihm. Da stehen Sie 70 Minuten solo auf der Bühne. War das Ihre schwierigste Rolle?
Ja, war es! Das Auswendiglernen innerhalb kurzer Zeit war die größte Herausforderung. Zeitgenössische Musik singe ich sonst meist im Konzert und dann mit Noten.
Neue Musik hat es beim Publikum noch immer schwer?
Sicher, aber andererseits: Aribert Reimanns „Medea“ in der Wiener Staatsoper, die ich mir angesehen habe, war immer ausverkauft. Nach der Uraufführung gab es 25 Minuten Applaus. Bei
meinem ersten Liederabend im Konzerthaus setzte ich die vier Solostücke von Reimann, die er für mich geschrieben hat, aufs Programm - 12 Minuten a capella! Das Publikum war davon total
begeistert, was mich so für ihn gefreut hat. Reine Programme mit neuer Musik sind vielleicht noch etwas für Liebhaber, aber wenn neue Musik gemischt wird mit Bekanntem, dann
funktioniert das.
Sie sind nun erstmals für längere Zeit in Wien. Wir bezeichnen uns ja keck als Hauptstadt der Musik. Ihr Eindruck?
Das kulturelle Angebot insgesamt ist schon toll! Wien ist eine wunderschöne Stadt – man geht durch Geschichte. Jetzt bin ich für zwei Monate hier und hoffe, auch ein bisschen den
Frühling genießen zu können. Mit Rausfahren, in Museen gehen – Laufen war ich auch schon am Donaukanal.
Ihr Terminkalender ist auf Jahre voll. Kommt da nicht das Privatleben zu kurz?
Es gibt natürlich Phasen, in denen ich sehr viel unterwegs bin. Aber ich bin ehrlich dankbar, dass ich meinen Beruf ausüben darf. Man kommt viel herum, sieht etwas von der Welt und
lernt interessante Leute kennen. Was schwierig ist, ist Freundschaften zu halten. Die Freunde, die ich habe, kenne ich schon sehr lange und wir telefonieren oft.
Wie ist die Arbeit mit Stefan Ruzowitzky?
Die macht großen Spaß. Er ist ein Regisseur, der neben ganz klaren eigenen Ideen und Bildern auch jedem Darsteller die Möglichkeit und Freiheit gibt, von sich aus etwas
beizutragen.
Das Ännchen ist gewissermaßen der Sonnenschein im „Freischütz“, entspricht das Ihrem Naturell?
Ich habe auf jeden Fall viel Freude mit dieser Rolle. Das Ännchen hat eine gute Energie. Von meinem Stimmfach spiele ich ja oft die unschuldigen, netten Mädchen. Die Abgründe von
Charakteren finde ich aber schon auch spannend.
Eine Wunschrolle?
Definitiv die „Lulu“ von Alban Berg. :::