Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky inszeniert für das Theater an der Wien erstmals eine Oper – nämlich Webers „Der Freischütz“. Wien live wollte wissen, wie es dem Novizen dabei geht
Ab 19. April heißt es „Vorhang auf“ für die erste Opern-Inszenierung des Filmregisseurs Stefan Ruzowitzky. Wir sprachen mit ihm über Versagensängste und das Erwachsenwerden.
Ihre spontane Reaktion auf die Anfrage, den „Freischütz“ zu inszenieren?
Ich fand es spannend, überhaupt für eine Oper angefragt zu werden. Ich habe mir gleich eine DVD besorgt, um mich da ein bisschen aufzufrischen. Interessanterweise fand ich viele – wie
soll ich sagen – „meiner“ Themen in dem Stück. Einerseits das ländliche Milieu, wie in „Siebtelbauern“, dann auch diese Grusel-Horror-Konzeption des Erwachsenwerdens, wie in „Anatomie“.
Kurz: Ich habe mich schnell mit dem Gedanken angefreundet, den „Freischütz“ zu inszenieren.
Keine Versagensängste? Beim Theater bekommt man ja unmittelbar mit, wenn etwas missfällt?
Ach, Versagensängste hat man natürlich immer ein bisschen – aber zu viele sollte man, glaube ich, auch nicht haben. Ich habe sicher großen Respekt vor der Aufgabe, auch, weil ich da ein
Novize bin. Aber Regie kann man nur führen, wenn man auf sein eigenes Konzept vertraut. Wenn ich mir da bei jeder Teilentscheidung denke – „Oh Gott, wenn das den Leuten jetzt nicht
gefällt?“ – wird es nicht funktionieren.
Im „Freischütz“ geht es um die Angst vor dem Versagen. Andererseits will Max vielleicht daneben schießen, um kein Spießbürger zu werden …
Das spielt sicher ein bisschen mit. Einerseits will er natürlich der neue Erbförster werden und das schöne Mädchen und das Haus als Draufgabe kriegen. Andererseits muss er dafür aber
auch das fröhliche, unbeschwerte Leben mit seinen Freunden aufgeben. Das haben wir ja alle irgendwann einmal durchgemacht. Man gründet eine Familie, nimmt einen festen Job an – und
irgendwann wendet man sich ein bisschen ab von seinen Freunden und ist nicht mehr jeden Abend auf der Piste. Das hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich habe mir etwa lange nicht
vorstellen können, eine feste Beziehung zu haben. Ich hatte da immer die Befürchtung, meine Freiheit würde dadurch eingeschränkt. Aber irgendwann war es dann richtig für mich, und ich
hatte dann gar nicht mehr das Gefühl, dass ich da irgendwas verloren hätte.
Ihr größter kommerzieller Erfolg war „Anatomie“, angesiedelt im Teenie-Horror-Genre – das haben Millionen gesehen. Findet sich das im „Freischütz“ wieder?
Gewisse Parallelen sind da. In Kinobegriffe umgelegt ist „Der Freischütz“ ja auch eine Mainstream- Multiplex-Popcorn-Oper, wo man mitsingen kann. Die Geschichte kennt auch jeder. Ich
hätte auch nicht gerne etwas gemacht, das nur für eingeweihte Spezialisten interessant ist.
Sind Sie überhaupt ein Opernliebhaber?
Ich bin schon hin und wieder in die Oper gegangen. In letzter Zeit gehe ich öfter, um ein bisschen zu sehen, was Kollegen so zusammenbringen. Aber das Projekt Oper ist für mich schon
eher ein Sprung ins kalte Wasser.
Was ist schwieriger zu inszenieren – Oper oder Film?
Das kann man so nicht sagen. Beim Film hat man auf jeden Fall mehr Kontrolle. Beim letzten Teil dieses kreativen Prozesses bin ich im Schneideraum und kann mir alles irgendwie
zurechtschnippeln. Jetzt probe ich eine Oper und kann nur hoffen, dass bei den Aufführungen alle Leute das so machen, wie es besprochen wurde. Die Letztverantwortung liegt also bei
denen, die auf der Bühne stehen. Ich sitze dann vielleicht irgendwo und denke „Oh Gott, jetzt habe ich dem zehnmal gesagt, er soll von da nach dort gehen, und jetzt geht er wieder von
dort nach da!“ Aber der Arbeitsprozess ist letzlich nicht so unterschiedlich, wie ich gedacht habe.