Ich war sein liebes Mausi

Dagmar Winkler-Steidl wurde als Kleinkind von ihrem Vater missbraucht und hat dies im berührenden Buch „Aus dem Schmerz in die Freiheit“ verarbeitet

 ©Jürgen Hammerschmid

Die pure Lebenslust, leidenschaftliche Journalistin, forsch, kreativ, spirituell. Die Nachricht, ihr Vater, vor 11 Jahren verstorbener Topmanager, Firmenchef und geselliger Lebemann, habe sie als Kleinkind missbraucht, traf auch ihr Umfeld wie ein Blitz. Dagmar, selbst zweifache Mutter und mittlerweile Shiatsu-Praktikerin, schrieb darüber ein Buch: „Aus dem Schmerz in die Freiheit“ ist ein eindringliches Plädoyer gegen die Mechanismen der Unterdrückung und für uneingeschränkte Selbstbestimmung.

Was empfindest Du, wenn Du von den vielen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hörst?

Überall, wo Unterdrückung stattfindet, wo Zwänge und Dogmen herrschen, passiert Missbrauch. Es gibt aber von oben niemanden, der uns diese Unterdrückung auferlegt, so wie ich Gott verstehe. Die Kirche hat das irgendwann einfach beschlossen, es hat aber jeder einen freien Willen, der ist uns geschenkt worden, und jeder hat die Freiheit, sein Leben so zu bestimmen, wie er möchte. Diese strengen Regeln und Konzepte muss man über Bord werfen, weil sie nichts Gutes hervorbringen.

Du bist aber nicht in der Kirche missbraucht worden sondern von Deinem Vater. Welcher hierarchische Druck herrscht in Familien vor, der Missbrauch begünstigt?

Es macht keinen großen Unterschied, ob das in der Kirche passiert oder in Familien. Es geht um ein Gesellschaftssystem, deswegen wird Missbrauch auch von Generation zu Generation weiter gegeben, fast vererbt, weil man die Struktur dahinter nicht erkennt. Sexueller Missbrauch ist Machtmissbrauch.
Dort, wo der Mensch nicht gewürdigt wird, man einem Kind nicht auf Augenhöhe begegnet, wo man unterdrückt und Macht ausübt, herrscht Missbrauch vor.

Glaubst Du, dass bei Deinem Vater auch in erster Linie Macht im Mittelpunkt stand, als Mittel zum Lustgewinn?

Ich glaube, dass es bei meinem Vater so war, dass er sich in gewisser Weise als mein Schöpfer gesehen hat, er hat mich kreiert, und dann bist Du nicht Mensch, sondern Objekt, ein Produkt. Ich war sein Eigentum.

Warum, denkst Du, hat er, als du sechs Jahre alt warst, damit aufgehört, Dich zu „kreieren“?

Ich glaube, der Missbrauch hat aufgehört, weil meine Symptome zu auffällig geworden sind. Ich bekam als 7-Jährige Appetitanreger, weil ich nur mehr lustlos im Essen herumgestochert habe, ich war Bettnässerin, ich wollte wieder einen Schnuller, ich habe Daumen gelutscht, ich bin ins Babyalter regrediert, ich wollte Kind sein. Der sexuelle Missbrauch hat aufgehört, das Kreieren ging auch im Jugendalter weiter. Wenn mich ein Freund heimgebracht hat, ist mein Vater schon da gestanden und hat ihn weg gestampert. Oder ich war unglücklich verliebt, kam verheult nach Hause und mein Vater hat mir eine gedonnert und Hure zu mir gesagt.

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