Aids geht uns alle an, niemand ist davor gefeit.
Wienlive sprach mit Spezialist Norbert Vetter.
Wienlive: Stichwort 15 Jahre Life Ball – inwieweit war Aids damals ein Thema?
NORBERT VETTER: Vor 15 Jahren sind die Patienten mit schweren Erkrankungen gekommen. Dadurch, dass das Virus die immunkompetenten Zellen zerstört, funktionierte das Immunsystem nicht
mehr. Sie sind in den meisten Fällen innerhalb weniger Monate verstorben. Es war eine aussichtslose Situation.
Wie ist man auf das Virus aufmerksam geworden?
Ganz plötzlich sind in New York und San Francisco mysteriöse Erkrankungen, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat, aufgetreten: das sogenannte Kaposi-Sarkom, eine
Hauterkrankung, wie auch eine seltene Form einer Lungenentzündung, die sich zunächst niemand erklären konnte.
Wie hat sich die Aids-Forschung in den letzten 15 Jahren entwickelt?
Der erste Meilenstein war Mitte der 80er Jahre die Entdeckung des HI-Virus durch Luc Montagnier. Der Virologe Robert Gallo entwickelte daraufhin einen Test – das war die erste
Möglichkeit, die Erkrankung nachzuweisen. Der nächste Meilenstein war Ende der 80er Jahre das erste viruseffiziente Medikament Retrovir, das das Leben der Patienten ein wenig
verlängerte. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es eine neue Klasse von Virostatika auf dem Markt, die eine Kombination von antiretroviralen Substanzen enthalten. Heftig wird heute auch an
sogenannten Entryblockern geforscht, das sind Substanzen, die das Eindringen und die Ausbreitung des Virus verhindern. Allein die neuen Virostatika waren ein echter Paradigmenwechsel,
die Patienten können mit dieser Therapie Jahrzehnte leben. Aber das ist auch das Problem: Die Menschen werden nachlässig; glauben, Aids sei heilbar, und verwenden keine Kondome
mehr.
Was ist behandelbar, was nicht mehr?
Das kann man so nicht sagen. Zum einen kommen permanent neue Medikamente auf den Markt; zum anderen ist auch der Zeitpunkt des Therapiebeginns entscheidend: Man nimmt an, dass etwa
zwischen 6.000 und 12.000 HIV-Infizierte in Österreich leben. 30 Prozent der von uns Betreuten sind Frauen. 50 Prozent aller Betroffenen infizieren sich heute beim heterosexuellen
Geschlechtsverkehr. Besonders gefährdet sind ganz junge Frauen beim sogenannten „ersten Mal“, aber auch ältere, deren Schleimhaut durch den Östrogenmangel dünner geworden ist. Der erste
positive Test wird in der Regel zwischen 30 und 35 Jahren durchgeführt. Das ist eine Katastrophe, da sich die meisten Menschen gut 10 Jahre zuvor bereits angesteckt haben. Sie kommen
viel zu spät zum Test und dann wird die Behandlung schwierig. Je länger man nämlich infiziert ist, desto schlechter stehen die Prognosen. Denn ist die Immunschwäche schon ausgebrochen,
entwickeln sich Resistenzen.
Wie hoch ist die Sterblichkeit?
1995 waren es noch 50 Todesfälle pro 100 Patientenjahren, jetzt sind es fünf. Junge Menschen haben heute allerdings schlechtere Überlebenschancen. Ich interpretiere das so: Zum einen
beginnt der Drogenkonsum heute früher und führt rascher zu einer Infektion als heterosexuelle Kontakte. Zum anderen werden die Medikamente oft nicht regelmäßig eingenommen. Nach
Therapiepausen wachsen und vermehren sich die Viren und entwickeln Resistenzen. Wir haben deshalb eigens Schwestern geschult, die die Patienten aufklären, wie wichtig die regelmäßige
Medikamenteneinnahme ist. Im Idealfall gelingt es, sie „virusfrei“ zu machen, d. h. im Blut ist das Virus nicht mehr nachweisbar, versteckt sich aber in den Lymphknoten und im Gehirn
und tritt wieder auf, wenn man die Medikamente absetzt. Aber ich bin optimistisch: Seit der Einführung dieser Schulungen ist die Erfolgsquote von 50 auf 80 Prozent gestiegen.
Was kann man tun, wenn man ungeschützten Verkehr hatte?
Wir haben hier auf der Baumgartner Höhe eine 24-Stunden-Ambulanz eingerichtet: Wer sofort bei einer vermuteten Infizierung zu uns kommt und sich testen lässt, dem können wir mit einem
Medikamentencocktail helfen, der versucht, die
Viren sofort zu vernichten. Wir haben damit schon ausgezeichnete Erfolge bei HIV-infizierten Schwangeren, die dank dieser Mittel ein gesundes Kind auf die Welt bringen. Es gibt
natürlich keine Garantie, aber zumindest eine kleine Chance.
Was würden Sie sich von der Jugend wünschen?
Bei sexuellen Kontakten mit dem ersten oder einem neuen Partner ein Kondom verwenden! Und später, wenn sich die Beziehung vertieft hat, einen Test machen. Man sollte sich überhaupt
immer wieder testen lassen: Um sich und andere zu schützen.
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