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Straße der Sieger

Brennpunkt Mariahilfer Straße. Keine Verkehrsader Wiens birgt so viel History und so viel Hysterie wie die Prachtmeile seit Kaisers Zeiten. Eine Begehung mit Rückeroberern, auf die man zählen kann.

Gepostet von Dieter Chmelar
am Montag, 07. April 2014

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Agentenstadl

Anfangs kann man sich totlachen. Später werden die meisten ent-decken, dass Wiederbelebung mittels Pointenschwund Erfolg hat.

Gepostet von Rudi John
am Freitag, 04. April 2014

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Juwel trotz Talmi

Dies ist keine Society-Kolumne. Dies ist eine Filmkritik. Auf derlei Feststellung wird Wert gelegt, um die folgende Inflation an Superlativen von Lobhudelei, Personenkult, Gefälligkeitsjournalismus freizusprechen, welche Gesellschaftsreportagen üblicherweise absondern. Andrerseits wäre der Film ohne promihätschelnde Presse auch nicht denkbar. Nun also: Gegen das Filmjuwel „Liberace“ (Originaltitel: „Behind the Candelbra“) sind die meisten Filmprodukte dieser Herbstsaison nur Talmi (wie wir sehen werden, ein passender Vergleich). Der Mann wiederum, um den es hier geht – und der wahrscheinlich sein ganzes Vermögen hingegeben hätte, um uns dieses grandiose Filmerlebnis vorzuenthalten – hat längst das Zeitliche gesegnet. Ab den Fünfziger Jahren jedoch war der brillante Showpianist Liberace einer der Halbgötter von Las Vegas, populär auch mit einer glamourösen TV-Show. Sagenhafter Reichtum (100 Millionen Dollar) umgab Liberace als Panoptikum aus Talmi, Kitsch und Statussymbolen. Ein goldener Käfig freilich mit Ängsten und Zwängen statt Gitterstäben. Seine Biografie, seine Frauengeschichten, seine Verlobung mit einer Promisängerin: alles erlogen, mit Katzengold überzogen. Seine Vorliebe für Luxus in jeder Form wurde zwar zu Lebzeiten kolportiert, sein sexueller Hunger nach jungen Männern blieb das große Geheimnis. Bei Auftritten in mit tausenden Strass-Kristallen besetzten Fantasiekostümen glich er einer überdimensionierten, klavierspielenden Discokugel. Schließlich ging er 1987 elend an Aids zugrunde. Seine große Liebe, ein junger Tierpfleger namens Scott, bildet nun in diesem solitären Filmereignis das abendfüllende Thema. Regisseur Steven Soderbergh, der bekanntlich seiner Branche schnöde den Rücken kehren wollte, feiert hier ein grandioses Comeback. Und damit auch der seinen Krebs besiegt habende Star Michael Douglas – mit der sensibelsten, delikatesten und besten Rolle seines Lebens. Wie er zwischen Empathie, Courage und Einfühlungskunst Gloria und Tragik jenes schwulen Entertainers herausspielt, für den ein Coming-out im damalig prüde-verheuchelten Amerika ziemlich sicher das Ende seiner kometenhaften Karriere gewesen wäre: ein sicherer Oscar. Den er freilich nicht bekommen wird, weil Soderbergh im Auftrag des Fernsehkanals HBO produzierte und der Film daher nur außerhalb der USA ins Kino kommt. Auch Matt Damon wird deshalb von der Academy unbedankt bleiben. Kongenial verkörpert er den jungen, attraktiven Lustknaben Scott, der als Lebenspartner Liberaces Höhen und Tiefen eines Abhängigen erleben muss. Und nach etlichen Schönheitsoperationen, einem Adoptionsversuch durch seinen Gönner und steigende Drogensucht schließlich ausgemustert wird wie ein aus der Mode gekommener Sofaüberzug, weil Eifersucht, Streit und Überdruss zwischen beiden eskalieren. Nun möchte der Film kein Tabubrecher sein, eher Aufklärer, Mitfühler, ein Toleranzstück. Will geistvolle Unterhaltung, tiefere Einsichten bieten. Zwei Schwule, beim Clinch im Bett, beim Champagner im Whirlpool, mit Pelzmantel im Sexshop. Und dennoch nie vulgär, kein Verrat an den Figuren, Geschmacklosigkeiten hat nur Liberace selbst zu verantworten. Ein Filmwunder aus stilsicherer Balance und psychologisch feinsinniger Dosierung.

Gepostet von Rudi John
am Mittwoch, 02. Oktober 2013

Vorwärts, nicht von der Stelle

Man konnte schon viel lesen über dieses schrullige Gegenteil einer der üblichen Frauenselbstfindungsgeschichten, in denen am Ende der große Emanzipations-Rabatz steht. Oder der Traummann. Oder die geschlossene Anstalt. Um nichts von alledem indes handelt es sich hier. Dafür um einen raren Fall von Kopfvergnügen, das auch direkt ins Herz trifft, eine zauberische Komödie um einen irrlichternden Gegenstand. Drum wollen wir an dieser Stelle in die allgemeinen Lobeshymnen einstimmen. Es geht um Frances, „Frances Ha“. Die ist 27 und noch immer in der Pubertät. Eine liebenswerte Selbstbetrügerin, die sich ihre Welt relativ fröhlich zurechtbiegt. Mit infantilem Übermut rennt, hüpft, tanzt, taumelt, rudert sie immer vorwärts und tritt doch auf der Stelle, kommt nicht weiter. Im Gegenteil: Ständig wird sie überholt oder abgehängt, von ihren Freunden, der Umwelt, dem Business. Sie hängt an den Menschen wie an Immobilien, zum Beispiel an ihrer zeitweiligen Mitbewohnerin Sophie. Aber die ist erwachsen geworden inklusive Verlobung mit Eheperspektive – für Frances fast Verrat. Auch andere Bekanntschaften gehen verloren, ebenso ihr Job bei der New York Dance Company, ihre Orientierung überhaupt. Die Schauplätze wechseln, die Szenerie, die WGs, in denen sie sich einzeckt, die ambulanten Schlafplätze. Frances bleibt auf der Strecke. Aber weil sie niemals das Temperament, den Mut, die Laune verliert, kann ihr vielleicht doch noch geholfen werden. Dieses weibliche Parallelogramm zur deutschen Verlierer-Studie „Oh Boy“, ebenfalls in melancholischem Schwarz-Weiß gedreht, haben der US-Regisseur Noah Baumbach und die Hauptdarstellerin Greta Gerwig gemeinsam erarbeitet. Und sie kommen der Figur – durchaus ein Prototyp ihrer Generation – so nahe, dass man an eine Dokumentation denken könnte. Was auch an der kongenialen Darstellerin liegt, die trotz ihrer vielen Sperenzchen keine Sekunde den Sympathiestatus verliert. Der Zuschauer sieht Frances, dem großen Kind, mit Vergnügen und Wohlwollen zu, an ihr ist nichts Falsches, kein schmutziges Kalkül. Vielleicht die reine Torin aus einer modernen Sage.

Gepostet von Rudi John
am Montag, 02. September 2013

Tabubruch in Serie

Die Reise von zwischen den Beinen eines Mädchens weiter zwischen ihre Pobacken und zurück ist denkbar kurz. Dennoch schaffte Charlotte Roche mit ihrem Skandal-Bestseller „Feuchtgebiete“, daraus eine wüste Abenteuerreise der besonderen – unappetitlichen – Art zu gestalten. Doch der pervertierte Zeitgeist und 2,5 Million verkaufte Exemplare können nicht irren. Sexuelle Tabubrüche in Serie. Eine körperflüssige Provokation nach der anderen. Was die obszönen Szenen auf „You porn“ verschweigen, das Buch füllt begeistert auch diese Defizite. Kein Wunder, dass eine Verfilmung nicht zu verhindern war. Erstaunlicherweise gelingt es dieser Coproduktion mit dem ZDF (!), das eigentlich Unvorstellbare ebenso konsequent wie adäquat auf die Kinoleinwand zu bringen. Wer das Originalbuch als Einschulung nicht lesen will, sollte auf bebilderte Schockerlebnisse verzichten. Konsequent lässt der Film nichts aus, was im Buch detailliert angeboten wird. Vor allem die Schweizerin Carla Juri in der Hauptrolle ist der Grund, warum die Schmuddelbeichte eines Teenagers samt Schweinereien und Peinlichkeiten nicht alles Publikum in die Flucht treiben wird. Ihr gelingt es, spitzbübisch reizend zu präsentieren, was bei einer anderen nur noch brechreizend wäre.

Gepostet von Rudi John
am Mittwoch, 03. Juli 2013

Lügen, Huren, Narrenkappe

Der Coup hat was von der Hinterhältigkeit eines vorgespielten Orgasmus (um passendes Vokabular zu verwenden). Die Zeit war ja reif, dass jemand dem Triumph des österreichischen Films eine Narrenkappe aufsetzt. Nun hat der kubanische Regisseur Daniel Diaz Torres diese Aufgabe in geradezu liebenswerter Weise erledigt, wobei ihm die Vorliebe unserer heimischen Filmemacher für das Hurenmilieu nicht wirklich ungelegen kam. „Lügen auf kubanisch“ verleiht der notorisch lustigen Gestalt von Michael Ostrowski etwas Tragisches, indem er darin einen österreichischen Dokumentarfilmer spielt, der das perfekte Opfer eines Täuschungsmanövers wird. Auf der Suche nach einer kubanischen Prostituierten, die bereit ist, vor der Kamera alle nackten Wahrheiten ihrer Zunft auszubreiten, gerät er an Ana. Die ist mittelmäßige Schauspielerin in einer ebensolchen Telenovela, braucht dringend Geld. Also spielt sie dem Österreicher gegen Cash vor, was er sucht. Übersieht dabei, dass sie sich unrettbar in ihre eigene Intrige verstrickt. Havannas bröckelnder Charme, Überlebenskämpfe seiner ärmeren Bewohner, die Naivität europäischer Dokumentarfilme. Ein doppelbödiges Kinoerlebnis.

Gepostet von Rudi John
am Montag, 03. Juni 2013

Freude vs. Tyrannei

Wir wissen ja, wie einst David gegen Goliath ausging. Aber funktioniert so was auch in unbiblischen Zeiten? Ja! Das heißt eigentlich „¡No!“ Zumindest nennt sich der sehenswerte Polit-Thriller so, welcher die unglaubliche, aber wahre Geschichte erzählt. David des ungleichen Duells war ein spinnerter chilenischer Werbe-Texter. Auf der gegnerischen Seite stand der mit Folter und Mord regierende Diktator Pinochet. Chile, 1988. Nach 17 Jahren Terrorherrschaft ließ der faschistische General eine Volksabstimmung zu. Was nur als Feigenblatt und Alibihandlung gegenüber dem Ausland gedacht war, wurde für den Tyrannen jedoch zum Debakel. Dem jungen Werbefachmann Saveedra – glaubwürdig ambivalent: Gael Garcia Bernal – gelangen für die täglich der Opposition eingeräumten nur 15 Minuten Wahlwerbezeit geniale Spots, in denen er an Lebensfreude und Freiheitsglauben der Chilenen appellierte. Mehr Coca-Cola-Spaß als politische Abrechnung. Doch sein „No“ zu Pinochet errang den Sieg. Viel historisches Material und die echten Spots verknüpft Regisseur Pablo Larrain so perfekt mit Spielszenen, dass man sich mitten in die Kampagne zeitversetzt erlebt. Yes zu ¡No!

Gepostet von Rudi John
am Donnerstag, 02. Mai 2013

Abrechnung

Wie sich kriminelle Energie mit virtuoser Verstellung als Kunst, Sozialkritik und gesellschaftliche Vision tarnen kann: Das enthüllt eine sehr persönliche Abrechnung mit Otto Mühl und seiner Kommune: Der Film „Meine keine Familie“ des in Mühls burgenländischem „Friedrichshof“ aufgewachsenen Paul-Julien Robert arbeitet penibel mit authentischem Archivmaterial, aber auch starken Dialogen mit seiner einst verblendeten Mutter traumatische Vergangenheit auf. Als Kampf gegen die verklemmte Kleinfamilie
ausgegeben, waren vor allem Kinder Opfer von Mühls sexuellem Missbrauch, Strafaktionen im Rahmen von öffentlichen Tänzen, Demütigungen, Selbstdarstellungen und befohlener Anpassung in ein „Gesamtkunstwerk“. Spielerische Entfaltung der Persönlichkeit, freie Sexualität, Gemeinschaftseigentum werden zum Teil als Lügen entlarvt, die nur dem faschistoiden Machterhalt und den sadistischen Launen eines narzisstischen Malers des Wiener Aktionismus dienten. Bilder, die sich in die Netzhaut brennen. Sollte jemand Restsympathien für Mühl hegen, gehen diese angesichts der geballten Beweislast im Film verloren. Ein äußerst berührendes Exempel.

Gepostet von Rudi John
am Mittwoch, 10. April 2013

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