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Raub der Kaisersemmel

Gepostet von Rudi John
am Freitag, 01. Februar 2013

Schrippen neben gefälschten Brötchen, Plörre statt Kaffee und Berliner Luft in Dosen. Bekenntnisse und Eindrücke des Wien-Berliners Rudolf John.

Der Schock überfi el mich neulich in einem Back-Shop in Berlin-Mi e. Eine dieser geklonten Backwarenausgabestellen sta echten Bäckereien. „Vier Schrippen, bitte“, sage ich zur jungen Verkäuferin in einer Art Fantasieuniform, als wäre sie beim Varieté. Der originale Berliner nennt sein resches Frühstücksgebäck
aus Weizenmehl seit jeher Schrippe. Und so sieht sie aus: Krapfenförmig, aber oval. Kerbe in der Mitte. Ich schau mich im Geschä um, während die Verkäuferin mir das Gebäck eintütet – Sackerln gibt’s net. Plötzlich sträubt sich mir die Iris und ich glaube einer Heimweh-Halluzination zu unterliegen: sehe ich da einträchtig neben den sogenannten Schrippen einen Haufen richtige Wiener Semmeln! „Was machen denn die da bei
Ihnen?“, stammle ich. „Wat, de e? Det sin ooch bloß Brötchen, nur runde.“ Mir bleibt die Spucke weg vor so viel Frechheit. Was bilden sich die Berliner ein? Das kommt einer feindlichen Übernahme gleich! Plagiat! Diebstahl! Maria Thereserl, schau oba (die aß diese Art kaiserlich geadelter Semmeln verbürgterweise auch schon gern)!

Ich äußere der darüber entgeisterten Uniformträgerin gegenüber spontan ehrliche Entrüstung: „Des san kane Schrippen, des san unsere Kaisersemmeln! In Wien liebevoll gebackene, österreichische Identität! Die zu kopieren, halte ich für die gemeinste Form von, äh, Mundraub! (ich weiß, falsch verwendet – aber in berechtigter Erregung)“. Auch erkenne ich sofort, dass dies Gebäck von irgendeinem seelenlosen Apparat ausgespuckt wurde; eine Beleidigung für jede glückliche Handsemmel! Die Reaktion des Bäckermädels auf meinen geäußerten Grant ist typisch. Ihre bisher verkniffenen Lippen öffnen sich zu einem zuckersüßen Lächeln. „Och, Se sind n’ Ösi! N’ Weaana, wa? Ja, Servus! Wie nett! Gehn Se, sajen Se mir noch wat Jemütliches! Icke höa det so jerne, wie Se dort redn!“ Obwohl ich diese mentale Schubumkehr bereits mehrmals erleben dur e, bin ich augenblicks völlig wehrlos, grinse geschmeichelt und mache Smalltalk: „Waren Sie schon einmal in Wien? Was, noch nie! Ja, dann müssen Sie doch einmal …“ Und so weiter. „Komm’ Se bald wieda“, ruft die Kleene mir zuletzt noch schmachtend nach, sichtlich nah dran, mir eine der verunglückten Kaisersemmeln zu schenken. Hätte ich natürlich nicht genommen. Weltkulturerbe als Raubgut! Ich erzähle die Episode – immer noch empört – zu Hause Andrea, meiner Berliner Schnauze mit Herz. Und ernte schro es Unverständnis. „Dass an Wiener Würstelständen regelrechte Karikaturen unserer Berliner Currywurst verkau werden, findest du hingegen völlig in Ordnung, was?“ Ich bleibe gelassen. „Das ist“, erwidere ich schlau, „nur gut gemeinter Service für deutsche Touristen, welche die kulinarischen Segnungen zum Beispiel einer wunderbaren Eitrigen mit Bugl nicht zu würdigen wissen! Kannst Du keinesfalls mit diesen Spo geburten vergleichen, welche die maschinelle Nachahmung unserer Wiener k.u.k. Tradition bedeuten!“ Ich komme langsam in Fahrt. „Was ihr Berliner hingegen leider, leider nicht gestohlen habt, ist unseren Kaffee. Den mit drei eee! In einem Anfall von Selbstironie nennt ihr ja selber das, was zwischen Abwaschwasser und Braunkohlensud aussieht, Plörre. Und es schmeckt auch genauso gemein, wie es sich anhört!“ In Berliner Ko eintankstellen gibt es halt nur Kà fe, Betonung aufs a. Das Wort wird von den Berlinern aggressiv heraus geschnauzt bzw. geschnappt. Und davon gibt es eine Zärtlichkeitsform! Die heißt Kläffchen, was freilich auch mehr nach Klä en klingt als nach echter Sympathie.

 

Jetzt rafft sich Andrea zum Konter auf: „Mein Gott, du tust ja gerade so, als hättet ihr in Wien den Kaffee erfunden! Den habt ihr ausschließlich den Türken zu verdanken! Und die fühlen sich bei uns jedenfalls
mehr zu Hause als bei euch!“ Wenn sie so anfängt, ist es am besten, ohne Widerrede erst einmal
an die frische Luft abzutauchen. Apropos Luft: Importieren könnte man von mir aus von Wien nach Berlin gerne auch jene Luft, die der Westwind aus dem Wienerwald immer in die Stadt bringt. Beim bekannten Operettenlied „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“ handelt es sich nämlich um reinen Euphemismus. Welche Ironie, dass aufgrund dieses Gassenhauers ein fi ndiger Berliner Souvenirhändler auf die Idee kam, kleine Dosen mit eingeschlossener Berliner Lu als Andenken bzw. Mitbringsel anzubieten. Dass eine Besucherin – eine liebe Tante von uns – sich ausgerechnet damit eingedeckt hat, ist ein doppelter Witz: Sie kam aus Buenos Aires – heißt übersetzt „gute Lü e“. Nicht überliefert wurde leider, was die damit von ihr beschenkten Argentinier empfanden bzw. ausriefen, als sie beim Ö nen eine kleine Dosis berlinischen
Smog schnupperten … Da wird mich vielleicht gleich jemand fragen, was ich immer so von Berlin nach Wien mitbringe. Der billige Kaviar aus dem russischen Supermarkt gilt ja nicht. Also muss ich nachdenken … ja, die guten Spreewälder Gurken! Die gibt es sogar einzeln in Dosen noch am Flughafen zu kaufen! Und die lustigen Ampelmännchen, wunderbar bunte Bonbons, welche die DDR überlebt haben! Und der Likör „Mampe Halb und Halb“, den mein Schwiegervater so gerne trinkt. Das war’s aber auch schon. Nein, da ist noch die Miniatur des Berliner Fernsehturms aus Schokolade für Freunde von gepfl egtem Kitsch! Den neuen Berliner Airport aus Marzipan wird es ja nicht so bald geben können …

 

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